Wenn diese Seite nicht korrekt angezeigt wird
gehen Sie bitte zur Originalseite



Der alte Spitzbube ist jetzt Onkel - Kölner Stadt-Anzeiger
Schriftgröße

Robbie Williams

Der alte Spitzbube ist jetzt Onkel

Von Christian Bos, 06.03.10, 10:18h, aktualisiert 06.03.10, 11:53h

Robbie Williams gibt ein kurzes, lässiges Geheimkonzert im Kölner Limelight. Wirklich wild oder verrufen wirkt er dabei nicht. Robbie scherzt mit seinem Publikum, herzt Kinder und pflegt die gemeinsamen Erinnerungen.

Robbie Williams
Bild vergrößern
Mit müder Grandezza: Robbie Williams bei seinem Auftritt im Kölner Limelight. (Bild: EMI)
Robbie Williams
Bild verkleinern
Mit müder Grandezza: Robbie Williams bei seinem Auftritt im Kölner Limelight. (Bild: EMI)
"Ein Geschenk? Für mich? Na, hoffentlich kein Scheiß-Teddy", sagt Robbie Williams, nur halb im Scherz. "Es ist für dich und Ayda", ruft der weibliche Superfan dem Sänger zu. Die Schauspielerin Ayda Field ist seit einigen Jahren Williams Dauerfreundin. Aber die weilt gerade in Los Angeles und heute Abend in Köln gibt sich Robbie launig und frivol wie zu seinen Groupie-verschlingendsten Zeiten. "Ein doppelseitiger Dildo?", rät er. Und liegt völlig falsch. Es sind rosa-weiße Babysachen. "Fucking babyclothes", flucht Robbie. "Mein Gott, jetzt hast du mir wirklich Angst eingejagt.

Nein, als Vater kann man sich den Sänger auch im fortgeschrittenen Alter von 36 Jahren noch nicht vorstellen. Vor 20 Jahren stieg Williams als jüngstes Mitglied in die Boyband Take That ein, mehr als die Hälfte seines Leben hat er also als Popstar verbracht. Er war Teenie-Schwarm und Drogen-Opfer, Entertainer und Stadionfüller. Heute Abend, in Köln-Junkersdorf, hat sich der einstige Spitzbube in einen netten Onkel verwandelt. Schon seine graue Flanelljacke, die er in den knapp 60 Minuten seines Auftrittes im gediegenen Limelight anbehält, sieht aus wie etwas, in das man hineinschlüpft, statt es anzuziehen. Er scherzt mit seinem Publikum, herzt Kinder und pflegt die gemeinsamen Erinnerungen.

"Ach, du bist also auch schon 34 Jahre alt", spricht er einen treuen Fan im alten Tour-T-Shirt an. "Na, und: haben wir uns nicht gut gehalten?" Karten für das Club-Konzert vor rund 300 Zuschauern konnte man nur bei diversen Radiostationen gewinnen. Die spielen dafür seine neuen Songs. Es läuft eben nicht mehr so rund wie einst. Da muss man klappern, das ist das Geschäft.

Seine Band ist selbstredend tadellos, er schimpft sie trotzdem zum Spaß aus, wohl ein alter Las-Vegas-Witz. Nur neun Songs singt Williams, vier neue und fünf alte Hits, deren Text er beharrlich vergisst. Er sei gestern erst aus Los Angeles eingeflogen, entschuldigt sich Williams, er sei einfach so verdammt müde. Die Lässigkeit, mit der der alte Charmeur über seine Unzulänglichkeiten hinweg schreitet, verleiht ihm eine gewisse Grandezza. Die erreicht man vielleicht erst, wenn man sich so weit jenseits des aktuellen Popgeschehens bewegt wie Williams. "Come Undone", der Hit, in dem er mit den Medienberichten über seine angebliche Bisexualität spielt geht passenderweise in Lou Reeds "Walk On The Wild Side" über. Aber um wirklich wild oder verrufen zu wirken, hat es sich Robbie mit seinem Publikum schon viel zu gemütlich gemacht.

"Nenn es kein Comeback, guck dir mal an, was ich hier erfunden habe", singt Williams auf seinem neuen Album, "Reality Killed The Video Star". Aber neu ist hier gar nichts. Williams spielt einmal mehr die Rolle des strauchelnden Popstars, genau so, wie er das seit Anbeginn seiner Solokarriere getan hat. Aber was war davor? Was war die Erfindung vor dem Neuanfang? Was hätte Robbie Williams zu sagen, würde er nicht permanent die Augenbrauen hochziehen oder wie ein flunkerndes Kleinkind die Pupillen nach oben verdrehen, zur Betonung des Uneigentlichen?

Während Robbie von seiner Sehnsucht, nur einmal etwas fühlen zu können, kündet, und das zugleich als eitle Rockstarpose ironisiert, fühlen seine Fans ja tatsächlich etwas. Das - und nicht der Jetlag - erklärt auch den bemerkenswerten Umstand, dass beim Auftritt im Limelight alle außer Robbie den Text von "Feel" parat haben. Freilich kann ihn keiner so präsentieren wie der alternde Superstar, sein Pathos ist so mühelos. Seht her, was ich verberge!, ruft fast jede Robbie-Ballade aus und verpackt ihren neurotischen Inhalt in die mitsingtauglichste Form: Meine Ängste sind eure Schlager. Wenn es gut läuft. Die neue Single, "Morning Sun" ist eines der schönsten Robbie-Stücke überhaupt. Den Text kann hier noch niemand. Weshalb Williams Kölner Stippvisite mit "Angels" endet. Die Zuschauer singen aus voller Kehle mit, der Star schielt aufs Textblatt und lächelt milde.



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Orte des Geschehens

große Karte

Anzeige


Extra


Anzeige


Bildergalerien


Literaturaktion


ksta.tv-Filmkritiken



Extra


Aktion


WAS.WANN.WO.


Kolumne


Kulturhauptstadt


Web-Konzerte


Stadtmenschen Community


Extra


Extra


Die andere Meinung


ksta shop


Studio DuMont


Mehr Kultur


Links


Dienste