Von Christian Bos, 06.03.10, 10:18h, aktualisiert 06.03.10, 11:53h
Nein, als Vater kann man sich den Sänger auch im fortgeschrittenen Alter von 36 Jahren noch nicht vorstellen. Vor 20 Jahren stieg Williams als jüngstes Mitglied in die Boyband Take That ein, mehr als die Hälfte seines Leben hat er also als Popstar verbracht. Er war Teenie-Schwarm und Drogen-Opfer, Entertainer und Stadionfüller. Heute Abend, in Köln-Junkersdorf, hat sich der einstige Spitzbube in einen netten Onkel verwandelt. Schon seine graue Flanelljacke, die er in den knapp 60 Minuten seines Auftrittes im gediegenen Limelight anbehält, sieht aus wie etwas, in das man hineinschlüpft, statt es anzuziehen. Er scherzt mit seinem Publikum, herzt Kinder und pflegt die gemeinsamen Erinnerungen.
"Ach, du bist also auch schon 34 Jahre alt", spricht er einen treuen Fan im alten Tour-T-Shirt an. "Na, und: haben wir uns nicht gut gehalten?" Karten für das Club-Konzert vor rund 300 Zuschauern konnte man nur bei diversen Radiostationen gewinnen. Die spielen dafür seine neuen Songs. Es läuft eben nicht mehr so rund wie einst. Da muss man klappern, das ist das Geschäft.
Seine Band ist selbstredend tadellos, er schimpft sie trotzdem zum Spaß aus, wohl ein alter Las-Vegas-Witz. Nur neun Songs singt Williams, vier neue und fünf alte Hits, deren Text er beharrlich vergisst. Er sei gestern erst aus Los Angeles eingeflogen, entschuldigt sich Williams, er sei einfach so verdammt müde. Die Lässigkeit, mit der der alte Charmeur über seine Unzulänglichkeiten hinweg schreitet, verleiht ihm eine gewisse Grandezza. Die erreicht man vielleicht erst, wenn man sich so weit jenseits des aktuellen Popgeschehens bewegt wie Williams. "Come Undone", der Hit, in dem er mit den Medienberichten über seine angebliche Bisexualität spielt geht passenderweise in Lou Reeds "Walk On The Wild Side" über. Aber um wirklich wild oder verrufen zu wirken, hat es sich Robbie mit seinem Publikum schon viel zu gemütlich gemacht.
"Nenn es kein Comeback, guck dir mal an, was ich hier erfunden habe", singt Williams auf seinem neuen Album, "Reality Killed The Video Star". Aber neu ist hier gar nichts. Williams spielt einmal mehr die Rolle des strauchelnden Popstars, genau so, wie er das seit Anbeginn seiner Solokarriere getan hat. Aber was war davor? Was war die Erfindung vor dem Neuanfang? Was hätte Robbie Williams zu sagen, würde er nicht permanent die Augenbrauen hochziehen oder wie ein flunkerndes Kleinkind die Pupillen nach oben verdrehen, zur Betonung des Uneigentlichen?
Während Robbie von seiner Sehnsucht, nur einmal etwas fühlen zu können, kündet, und das zugleich als eitle Rockstarpose ironisiert, fühlen seine Fans ja tatsächlich etwas. Das - und nicht der Jetlag - erklärt auch den bemerkenswerten Umstand, dass beim Auftritt im Limelight alle außer Robbie den Text von "Feel" parat haben. Freilich kann ihn keiner so präsentieren wie der alternde Superstar, sein Pathos ist so mühelos. Seht her, was ich verberge!, ruft fast jede Robbie-Ballade aus und verpackt ihren neurotischen Inhalt in die mitsingtauglichste Form: Meine Ängste sind eure Schlager. Wenn es gut läuft. Die neue Single, "Morning Sun" ist eines der schönsten Robbie-Stücke überhaupt. Den Text kann hier noch niemand. Weshalb Williams Kölner Stippvisite mit "Angels" endet. Die Zuschauer singen aus voller Kehle mit, der Star schielt aufs Textblatt und lächelt milde.
kein anderes thema?
08.03.2010 | 06.25 Uhr | ischdem
wen interessiert denn das ????
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